22. Februar 2017

Besuch in Berlin

Hallo hallo!

Schon wieder ist über eine Woche ohne ein Zeichen von mir vergangen... Der Februar scheint kein guter Monat zu sein. Aktuell geht es mir nämlich immer noch so wie im letzten Post "Kein Bezug" beschrieben. Und das, obwohl ich ja am Samstag die Selbsthilfegruppe in Berlin besucht habe. Um dieses Treffen soll es heute auch gehen. Dabei werde ich mich wieder an den Fragen entlanghangeln, die ich bei meinem Post über den zweiten Besuch in Köln genutzt habe.

Zu Beginn allerdings noch eine kurze Randinfo und Einleitung: Wichtig zu wissen ist, dass die Gruppe in Berlin erst seit November 2016 besteht und daher noch in den Kinderschuhen steckt, was ich im Vergleich sogar merken konnte. Erstmal gibt es natürlich (noch) keine Vorträge oder Besuche von Fachleuten. Stattdessen wird sich nur untereinander ausgetauscht. Außerdem steckt da noch viel mehr detaillierte Planung hinter, wenn man so will. Es wird sich ganz stark darum bemüht, eine konsequente Gruppenstärke zu erreichen, die mit dem Ablauf der Treffen zufrieden ist. Nicht, dass das in Köln nicht so ist! Aber ich denke, ihr wisst, was ich meine. Das wird aber normal sein - es braucht eben seine Zeit, bis sich alles einspielt und man weiß, wie die Leute so drauf sind und was sie brauchen. Natürlich auch, wie sie so als Gruppe agieren.

Jetzt aber zu den Fragen...

Nur ganz kurz: Wie laufen die Treffen der Gruppe in etwa ab?
Anders als in Köln, um es mal so zu sagen. Irgendwie strukturierter, geplanter und auch etwas "vorgeschrieben". Es gibt eben eine Art Ablaufplan, der nach Möglichkeit recht genau eingehalten wird, aber auch Raum für Spontanes geben soll. Bevor es losgeht, gibt es Organisationskram und eine kleine Wahl von Moderator und Protokollant für den jeweiligen Abend. Danach wird es ernst, indem mit einer kurzen Vorstellungs- bzw. "Wie geht es mir"-Runde eingeleitet wird. Danach wird sich gemeinsam geeinigt, welches Thema/welche Themen in der Themenrunde eine Rolle spielen werden. Dabei kann nach Dringlichkeit und/oder Interesse entschieden werden. Nach einer kurzen Pause gibt es nochmal einen winzigen Organisationspart und am Ende folgt eine Feedbackrunde.

Wie erging es mir währenddessen? Wie war die Stimmung?
Mir ging es sowohl davor, als auch während des Ganzen ziemlich gut. Nervosität war kein Thema, wozu meine zwei Besuchserfahrungen in Köln sicher ihren Teil beigetragen haben. Allerdings wirkte sich auch die Atmosphäre positiv auf meine Stimmung aus, denn die war sehr gelassen, locker und persönlich. Man verstand sich untereinander ziemlich gut, als würde man sich seit Ewigkeiten kennen. Man saß da bei einer Tasse Tee und Knabberkram beisammen und tauschte sich über ein ernstes Thema aus, was aber kein Bedrücken auslöste. Es war befreiend. Verbindend.

Hat mir das Treffen etwas gebracht? Wenn ja, was hat mir besonders geholfen?
Das Treffen hat mir viele neue und unglaublich interessante Erfahrungen und Eindrücke zum Skin Picking gezeigt. An manchen Punkten wurde ich durch eventuell andere Sichtweisen auch zum Denken angeregt. Ansonsten war es wieder das Verständnis von Gleichgesinnten, was mir gut tat. In dem Moment war es so schön, wenn man etwas erzählte und alle Köpfe um einen herum voller Ehrlichkeit und Verständnis nickten. Wirklich "weitergebracht" hat mich das Treffen aber nicht, was man auch nicht erwarten darf. Darum geht es bei einer Selbsthilfegruppe sowieso nicht.

Ist ein Besuch bei der Selbsthilfegruppe empfehlenswert? Möchte ich wiederkommen?
Ein Besuch ist in meinen Augen weiterhin auf alle Fälle empfehlenswert - egal wo! Völlig unwichtig, wer ihr seid und ob ihr dann etwas sagt oder nicht: Alleine das Dasitzen und Zuhören ist eine unersetzbar schöne Erfahrung! Man hat nicht mehr das Gefühl, alleine damit zu sein und wird definitiv beruhigter aus einem Treffen hervorgehen. Nicht zuletzt kann man von den Anderen viel lernen und etwas mitnehmen.
Ob ich wiederkommen möchte? Interesse besteht auf jeden Fall, aber auch hier ist erneut die Frage, wie das terminlich zu schaffen ist. Das muss ich in Zukunft einfach sehen... Es wäre jedenfalls toll! Daher kann ich euch weiterhin nur raten, dass ihr die Chance, eine Gruppe zu besuchen, wahrnehmen solltet! Schaden kann es nicht und wenn ihr merkt, dass es nichts für euch ist, wiederholt ihr die Aktion nicht und gut.

Jetzt muss ich mich aber für die Arbeit fertigmachen. Bis dann!

14. Februar 2017

Kein Bezug

Hey...

Momentan nicht viel los, was meine Haut und das Skin Picking betrifft... Ich drücke, ja. Jeden Tag ein wenig, doch darüber hinaus ist nichts. Keine Gedanken, keine Sorgen. In meinem Kopf herrscht die totale Stille und es ist mir egal. Keine Ziele, keine Übersicht, keine Freude, keine Reue und auch all das, was ich schon erreicht habe, kommt mir total weit entfernt vor. Ich bin orientierungslos, könnte man sagen. Ich irre ohne Taschenlampe im dunklen Wald umher. Jeder Tag wird einfach genommen, wie er ist. Bis hierhin könnte man noch meinen, dass das ja gar nicht so schlecht sei. Doch irgendwas stört mich daran! Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich nicht vorankomme, sondern mich momentan auf der Stelle bewege bzw. im Kreis drehe. Eigentlich will ich raus aus dem dunklen Wald, doch blöderweise habe ich die Lampe nicht. Und ich will sie auch gar nicht finden...ich will weiter umherirren. Es ist ja so bequem. Einfach leben und gut. Konsequenzen werden gemeistert - egal, wie. Doch damit entfernt man sich gedanklich Tag für Tag mehr von seinem eigentlichen großen Ziel... Man verliert den Bezug zum Thema und weiß plötzlich nicht mehr, wie man sich damit auseinandersetzt und was man überhaupt will. Ja, so könnte man das ausdrücken. Ich hoffe, ihr versteht mich oder kennt es vielleicht sogar selbst.

Aber gut, eventuell ändert sich das bald wieder. Kommendes Wochenende bin ich nämlich bei meinem Freund in Berlin und habe daher auch die Möglichkeit, die dort ansässige Selbsthilfegruppe zu besuchen! Schon jetzt freue ich mich sehr darauf und bin irre gespannt! Ist es nicht cool, dass ich so zeitig mein Vorhaben, wieder eine Gruppe zu besuchen, umsetzen kann? Endlich mal wieder persönlich mit Gleichgesinnten in Kontakt treten und sich über die große Gemeinsamkeit "Dermatillomanie" austauschen. Das wird mit Sicherheit eine tolle Erfahrung! Selbstverständlich werde ich dann darüber berichten.

Für heute bin ich aber am Ende. Tschau tschau.

2. Februar 2017

Gastpost - Part 4

'N Abend, liebe Skinpicker und Nicht-Skinpicker.

Lang lang ist's her, dass ich einen Gastpost veröffentlicht habe, nicht wahr? Um genau zu sein, erschien der dritte Teil im September letzten Jahres. Danach meldete sich kein Interessent mehr bei mir, sodass diese Postserie ein paar Monate ruhte. Doch vor Kurzem kam eine ganz unerwartete Mail mit dem Betreff "Gastpost" - da war ich ganz aus dem Häuschen! Noch eine Person, die so mutig ist, ihren Frust mal in Worte zu verpacken und in meine Hände zu geben, damit ich ihn veröffentlichen kann. Danke danke danke, wirklich! Was dieses Mal aber ein wenig anders sein wird: Am Ende werde ich noch kurz ein Statement zu der Geschichte abgeben. Warum, erfahrt ihr dann.

Bevor es losgeht, folgt aber erst einmal das übliche Prozedere... Falls ihr nämlich nicht wisst, was diese Postserie so beinhaltet und warum sie existiert, dann schaut gerne beim ersten Teil rein oder gönnt euch unter dem Label "EureGeschichten" gleich alle drei Teile.

Und nun möchte ich euch als Betroffene ganz direkt ansprechen: Ihr habt niemanden zum Reden, möchtet aber trotzdem mal euer Herz ausschütten oder Frust rauslassen? Ihr traut euch nicht, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen, möchtet aber dennoch, dass eure Geschichte von Menschen gelesen wird? Ihr habt ein paar tolle Tricks und Tipps oder einfach nur liebe Worte für Leidensgenossen, die ihr loswerden wollt? Ein eigener Blog wäre euch zu viel Arbeit, aber einen kleinen Post würdet ihr gerne verfassen? Dann meldet euch gerne bei mir! Schreibt mir eine E-Mail mit dem Betreff "Gastpost" an folgende Adresse: dermatillomanie-blog@web.de. Selbstverständlich dürft ihr auch Bilder mitsenden, wenn ihr das wollt. Ihr könnt dabei entweder von Anfang an namenslos bleiben oder mich darum bitten, euch zu anonymisieren. Ich werde euren Text dann unverändert innerhalb dieser Postserie veröffentlichen, sodass ihr selbst eventuelle Kommentare Anderer dazu lesen könnt.

 
"Warum eigentlich?

„Hör doch einfach auf zu drücken. Warum machst du das überhaupt?“
Ich denke mal, solche Aussagen und Fragen kennt ihr alle. Ja, warum eigentlich? Darüber habe ich schon oft nachgedacht, hauptsächlich wenn ich vor meinem großen Spiegel stand und die beiden Schlachtfelder betrachtete, die meine Arme darstellen sollen. Oder wenn ich nachts im Bett liege und nicht weiß, wie ich mich zudecken soll, ohne, dass der Stoff der Decke an meine schmerzende, pochende Haut gerät. Nur wenn ich meine Haut bearbeite, da denke ich über solche Sachen nicht nach – weil ich in dieser Zeit quasi überhaupt nicht denke.


Und ich denke, das ist der Grund. Denn wenn ich die Haut an meinen Armen absuche, Hautfetzen herausreiße, Krusten abkratze, mit der Pinzette Härchen herausziehe und drücke, bis das Blut fließt...fühle ich nichts. Gar nichts. Und für jemanden wie mich, die oft furchtbar sensibel und emotional ist, die immer alles richtig machen will und dabei über ihre eigenen Füße stolpert, ist dieses „Nichts fühlen“ ein echter Segen. Ganz egal, was davor auch passiert ist, ob ich Streit mit meiner Mutter, Angst vor einer wichtigen Prüfung habe oder mich einfach schäme, weil ich wieder zugenommen habe – sobald ich knibble, ist alles Andere nur noch nebensächlich. Klar, da ist sie noch irgendwo, die Stimme der Vernunft, die mir zuruft, wie falsch das ist, was ich mache, wie selbstzerstörerisch und krank, wie schlecht es mir gleich wieder gehen wird, wenn ich nicht sofort aufhöre. Aber die Stimme ist zart und gaaaanz weit weg... Viel zu leicht, sie zu ignorieren. Nachher wird sie dann nicht mehr so leise sein, die Vernunft. Dann wird ihre Stimme mir wieder im Kopf dröhnen und mir vor Augen halten, dass meine ganzen Mühen der letzten Tage, nicht an meiner Haut zu knibbeln, völlig umsonst waren, jetzt da die verheilten Stellen wieder offen sind. Dann werde ich einen dankbaren Blick aus dem Fenster werfen, auf den Schnee, der mir eine Ausrede gibt, langärmlige Shirts oder Stulpen zu tragen. Und werde mit Unruhe an den nächsten Sommer denken und mich fragen, ob ist es bis dahin schaffe, meine Haut verheilen zu lassen und vielleicht auch etwas abzunehmen. Ob ich es endlich schaffen werde, mich wohl in meiner Haut zu fühlen.


Hallo ihr Lieben ^^

Ich wollte endlich auch einmal schreiben, wie es mir mit Skin Picking so ergeht. Wie ihr schon lesen konntet, sind hauptsächlich meine Arme betroffen, mein Gesicht zu bearbeiten reizt mich Gott sei Dank nur sehr selten. Manchmal weiche ich auch auf meine Beine aus, denn dort zeigt sich die Reibeisenhaut natürlich auch.

Angefangen hat es bei mir, wie bei vielen Betroffenen, in der Pubertät – nur halt nicht wegen Akne, sondern durch meine Reibeisenhaut. Damals kannte ich weder das Eine noch das Andere. Ich wusste zwar, dass diese rötlichen Erhöhungen auf meinen Armen keine Pickel waren, aber eine passendere Bezeichnung hatte ich dafür auch nicht. Es fing mit harmloser Drückerei an, leider zu einer Zeit, in der ich in der Schule ausgegrenzt und langsam aber sicher zum Außenseiter wurde... Ich vermute mal, die vielen stressigen Situationen plus die verrückt spielende Haut haben zum Skin Picking geführt. Vor ca. 3 Jahren ging ich dann endlich zum Hautarzt, der mir erklärte, was Reibeisenhaut ist, aber zu den kleinen Verletzungen sagte, ich solle mir das bitte abgewöhnen (Darauf wäre ich nie selbst gekommen... -.- XD). Erst vor einem Jahr las ich in einem Artikel im Stern, halb verborgen in einem Nebensatz, die Bezeichnung für ein Verhalten, das meinem sehr ähnlich war. Aus reiner Langeweile schrieb ich es auf, um es später zu googeln – und fand eine Art Spiegelbild. So viele Menschen, alte wie junge, die mit den gleichen sonderbaren Symptomen kämpften wie ich. Die genauso litten und sich schämten für ein Verhalten, dass sie nicht ablegen konnten, so sehr sie es auch wollten. Eine Last fiel mir von der Seele, von der ich nicht mal wusste, dass ich sie mit mir herum schleppte. Ich war also nicht die Einzige. Ich war nicht allein. Das war für mich ein kleiner Durchbruch. Klar, ich drücke immer noch, ich habe gute und schlechte Phasen, manchmal habe ich auch noch richtige Anfälle – aber es ist nie mehr so schlimm geworden wie damals, als ich noch nichts vom Skin Picking wusste. Zu wissen, was es ist und dass es noch Andere haben, ist mein erster Schritt, davon weg zu kommen. Und mich stört mittlerweile auch der Gedanke nicht mehr, dass meine Haut Narben davon tragen wird. Mit alten, verheilten Narben kann ich leben – mit frischen Narben nicht.

Ich bin wirklich froh, dass ich diesen Post schreiben kann, denn wenn ich ehrlich bin, gibt es niemanden, mit dem ich so etwas gerne direkt besprechen würde... Ich will einfach niemanden abschrecken. Ich will nicht, dass die Leute, die mir wichtig sind, mich eklig finden. Oder depressiv. Oder gestört. Auch wenn ich selbst verstanden habe, dass Skin Picking nichts mit Verrücktsein zutun hat und Reibeisenhaut komisch aussieht, aber nicht eklig ist – werden Andere das auch so sehen? Ich hab mal versucht, mich meinem Bruder anzuvertrauen. Ging daneben. Ich konnte gar nicht richtig zu Ende reden, da kam schon:„Rede dir nicht ein, irgendwelche Phobien oder sowas zu haben, hör einfach auf deine Pickel zu drücken.“ -.-
Ein anderes Mal wollte ich mich meinem Freund anvertrauen. Als ich das erste Mal ärmellos vor ihm gesessen hatte, hatte ich furchtbare Angst gehabt, er könnte etwas sagen. Aber er sagte nichts, und ich war dankbar deswegen. Wenn er es nicht merkt, würde ich ihn nicht auch noch darauf aufmerksam machen. Viel später hat er dann mal meinen Arm vorsichtig in beide Hände genommen und gefragt:„Ich habe dich bisher nie darauf angesprochen, aber was ist das eigentlich?“ Auch wenn er es freundlich fragte, konnte ich nicht ehrlich antworten. Nicht richtig ehrlich. Ich hab ihm erklärt, dass es Reibeisenhaut ist und mehrfach betont, dass es nicht ansteckend oder so wäre (Ist meine standart Antwort).
Irgendwann schien ein guter Moment gekommen zu sein, ihm vom Skin Picking zu erzählen. Wir kamen zufällig auf das Thema Ritzen und ich wollte mir gerade eine sinnvolle Überleitung zum Skin Picking überlegen, als er plötzlich sagte:„Ich verstehe diese Leute einfach nicht. Wie kann man sich so etwas antun? Das ist doch krank. Wenn es denen so schlecht geht, sollen die entweder was dagegen tun oder sich halt umbringen. Sich selbst zu verletzen ist hirnlos.“ Eine derart plumpe Aussage bin ich nicht von meinem Freund gewohnt gewesen, der eigentlich sehr feinfühlig und verständnisvoll ist. Ich habe nie wieder versucht, mit ihm darüber zu reden.


So, jetzt habe ich euch aber genug zugetextet ^^ XP
Tipps habe ich leider keine für euch, die ihr nicht schon selbst kennen würdet. Ich kann nur noch sagen: Bleibt am Ball, lasst euch von Rückschlägen nicht entmutigen, ich werde das auch nicht. Ich träume schon viel zu lange von dem Tag, an dem ich im Sommer ein Top ohne Jacke anziehen kann und mich dabei wohl fühle ^^


Liebe Grüße und alles Gute! Anonym"



Muss ich noch erklären, wieso ich einen Kommentar dazu geben muss? Ich glaube, es ist offensichtlich, wie viel in dieser Geschichte steckt. Vor allem sehr viel, wo ich mich drin wiedererkenne oder wo ich zustimmen kann.

Direkt zu Beginn taucht etwas extrem Interessantes auf: Das Nichtsfühlen. Als ich das so las, ging mir ein Licht auf. Ja, das ist es! Man fühlt nichts, während man seine Haut bearbeitet. Absolut nichts. Man entgeht den Gefühlen, denen man im Leben sonst ausgeliefert ist. Und wie wir kürzlich schon festgestellt hatten, können wir damit häufig nicht richtig umgehen. Da ist es wirklich ein echter "Segen" (Zitat), wenn wir für ein paar Momente nichts fühlen. Wir genießen das.

Auch alles, was zur Stimme der Vernunft gesagt wurde, ist bei mir identisch und mir dennoch nie so klar gewesen wie jetzt. Während eines Anfalls ist sie leise und leicht zu ignorieren. Doch unmittelbar danach ist sie so laut und präsent, dass einem beinahe die Ohren platzen. Von irgendetwas wird sie überdeckt und in den Hintergrund gedrängt, wenn wir an unserer Haut zugange sind. Vielleicht von unserem Drang?

Als Letztes picke ich mir folgende Stelle heraus:"Eine Last fiel mir von der Seele, von der ich nicht mal wusste, dass ich sie mit mir herum schleppte". So geht es sicher ausnahmslos allen Betroffenen, die gerade erst herausgefunden haben, dass sie Skin Picking haben. Wenn ich genauer drüber nachdenke, ging es auch mir so. Ich schleppte diese Last damals - als ich noch nichts von der Dermatillomanie wusste - mit mir herum und leidete unter ihr. Still und ahnungslos. Irgendetwas war da auf meinem Rücken, doch ich konnte nicht sehen, was. Ehrlich gesagt habe ich nicht mal probiert, es herauszufinden. Bis es der Zufall so wollte und ich über die Bezeichnung des Skin Pickings stolperte. Ab da wusste ich Bescheid und konnte langsam anfangen, mich Stück für Stück von der Last zu befreien.

So, das soll es aber für heute gewesen sein. Ich fiebere schon dem Wochenende entgegen und wünsche euch einen schönen Abend!

30. Januar 2017

Interessante Neuigkeiten

Einen schönen guten Abend!

Jacqueline ist wieder in ihrer Heimat und hat Stoff zum Lesen mitgebracht! Undzwar entdeckte ich kürzlich einen sehr interessanten (und noch dazu aktuellen!) Artikel, der sogar Informationen bzw. Erkenntnisse enthielt, die mir bis dato unbekannt waren. Am besten schaut ihr eben selbst kurz rein, bevor ich weiter erzähle.

http://wize.life/themen/kategorie/gesundheit/artikel/53693/haut-kratz-stoerung-das-steckt-wirklich-hinter-der-mysterioesen-krankheit

Zwei Dinge sind mir in diesem Artikel in's Auge gestochen. Erstens die Annahme, dass wir Skinpicker unsere Emotionen schwer regulieren und verarbeiten können. Das erscheint mir sinnig und ist soweit auch auf mich übertragbar. Unsere Emotionsverarbeitung läuft über ein falsches Ventil - nämlich über das Skin Picking. Dass dabei streng genommen nichts "verarbeitet" wird, ist uns nicht bewusst. Es ist unsere Art, damit umzugehen. Wir haben verlernt, über Gefühle zu sprechen, sie auszuleben und irgendwann abzuhaken. Stattdessen suchen wir uns einen "angenehmen" Weg, um ihnen zu entkommen oder sie umzuwandeln.

Zweitens fiel mir das mit der veränderten Repräsentation des Tastsinns in der Großhirnrinde auf. Beim ersten Lesen musste ich ziemlich staunen, als ich diese Stelle verinnerlichte. Es bedeutet ja Folgendes: Es ist messbar, dass wir anders sind. Sozusagen ein Beweis für diesen Satz "Ich muss das aber aufkratzen/wegdrücken!", den unsere Angehörigen nie verstehen konnten. Bei uns wird etwas aktiviert, was bei Unbetroffenen nicht aktiviert wird, wenn sie Hautunreinheiten betrachten. Also können wir eigentlich nicht mal etwas dafür. Doch woher kommt es, dass wir diese Veränderung erleben? Wie ist das entstanden? So weit scheint man noch lange nicht zu sein...

Jedoch finde ich es schon toll zu sehen, dass weiter an der Dermatillomanie geforscht wird und dass es Leute gibt, die Therapiemöglichkeiten weiterentwickeln wollen. Die im Artikel genannten Erkenntnisse sind erstaunlich und darüber hinaus sehr wichtig! Das Alles ist der erste Schritt in die richtige Richtung, damit wir uns irgendwann nicht mehr so allein und hilflos vorkommen. Es wird sicherlich noch einige Jahre dauern, bis diese Entwicklung Schwung aufnimmt, aber das macht nichts. Wir haben Geduld und freuen uns über jede noch so kleine Neuigkeit.

25. Januar 2017

Und es geht weiter...

Hiermit knüpfe ich nahtlos an meinen letzten Post "Zwang der Gesellschaft" an. Inzwischen kann ich nämlich schon gar nicht mehr an meinen Händen abzählen, wie oft ich auf meine Haut angesprochen wurde. Noch dazu wie oft dabei die Vermutungen "Masern" oder "Windpocken" gefallen sind - von Eltern/Großeltern (!) der Kinder und von Arbeitskollegen. Manches habe ich auch gar nicht direkt mitbekommen, sondern mir hinterher erzählen lassen. Tja, ich kann euch sagen: Ich bin genervt. Anfangs war es ja echt noch ok, aber wenn jetzt jeder, der mich sieht, gleich mit "Gott, was hast du denn? Windpocken?" ankommt... Als hätten sich gerade alle abgesprochen. Kommt mir vor wie ein schlechter Witz. Wenn ich das mit Schulzeiten vergleiche, dann war es da echt einfacher, mich offen zu zeigen. Da wurde vielleicht hinter meinem Rücken über mich geredet, aber hey. Das war mir schnuppe. Jetzt kriege ich das alles ungeschont in die Arme geworfen und weiß bei der Masse gar nicht mehr, was ich noch machen oder sagen soll. Heute kam es sogar, dass eine Mutter einen scherzhaft gemeinten Kommentar brachte, der mir wieder etwas wehtat. Natürlich versuche ich, darauf nicht viel zu geben, aber so ganz ignorieren kann ich es nicht. Dadurch hört meine Gedankenwelt auch nicht auf, sich um dieses Thema zu drehen. Ob ich will oder nicht... An der Stelle frage ich mich dann, ob das tief in mir etwas macht? Beschäftigt mich das so sehr, dass meine Drückerei gerade daher rührt? Ich weiß es nicht.

Nur eins weiß ich: Ich bin froh, Freitag zu meinem Freund zu fahren und das Wochenende mal Abstand von hier zu haben. Hoffentlich komme ich dann endlich mal auf andere Gedanken! Wenigstens für die drei Tage.